IRONMAN HAWAII
Das beschauliche Örtchen an der gewaltigen Westflanke des Vulkans Mauna Kea, dem voluminösesten Bergmassiv der Welt, ist jedes Jahr im Oktober Austragungsort des Ironman. "You are an Ironman!" Wer diese Begüßung im Ziel zu hören bekommt, hat es geschafft: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen liegen ihm. Die letzten 400 Meter führen über den legendären Alii Drive, den spektakulären Boulevard der besten Ausdauersportler der Welt.

Die Bierwette der Soldaten
Was hat der Alii Drive in den letzten 25 Jahren nicht alles erlebt: 1981 wurde das Rennen von Honolulu auf der Insel Oahu nach Big Island verlegt. In der Hauptstadt des 50. Staates der USA hatte John Collins das Rennen drei Jahre zuvor ins Leben gerufen und damit eine ungeahnte Massenbewegung ausgelöst. Der Legende nach soll Collins sich mit zwei anderen Soldaten im Marinecorps darüber gestritten haben, wer von ihnen wohl der härsteste Sportler sei - der Schwimmer, der alljährlich am Waikiki-Rough-Watter-Wettbewerb teilnahm, der Radfahrer, der das Around Oahu Bike Race als größte Herausforderung ansah oder der Läufer, der jedes Jahr im Dezember beim Honolulu-Marathon an den Start ging.
Die kleinen Helden der Landstraße
Legenden kommen und gehen, die Kriegsbemalung des Alii Drive wie jene Silhouette der Queen of Kona, die das Rennen achtmal gewann, kehrt jedes Jahr zurück: Die Straßenmaler und Sportpoeten treffen sich jedes Jahr im Oktober, um ihren Helden zu huldigen. "If you have to ask why, you will never understand", steht dort auf dem schwarzen Band, das sich mit seinen gemütlichen Hotels über zehn Kilometer am Pazifik entlangschlängelt. "Go Luke", schreibt eine offensichtlich frustrierte Ehefrau ihrem Göttergatten und fügt hinzu: "Glaubst du immer noch, es sei besser als Sex?". Oder ganz kurz:
"Tom - du bist mein Held!" Zumindest, wenn du es bis
ins Ziel schaffst. Solche kleinen Aufmunterungen tun gut
in diesem Tal der Tränen. Denn der Alii Drive weiß: Man
sieht sich immer zweimal im Leben. Einmal zum Beginn
des Marathons, wenn die Sportler die ersten 14 Kilometer
kraftstrotzend auf der mit sanften Wellen gespickten Straße
bis zum Wendepunkt auf- und ablaufen. Und dann noch
einmal einen halben Kilometer vor dem Ziel, wenn die einen
jubelnd ihrer Selbstverwirklichung entgegentanzen, die
anderen sich dagegen wie ein Häufchen Elend in Richtung
Massagebank schleppen.
Da man keine Lösung in diesem Streit fand, entschloss man
sich nach langer Diskussion und einigen Bieren, die es sehr
wohl auch auf Hawaii gibt, die drei Rennen zu kombinieren
und ohne Pause hintereinander zu absolvieren - der Ironman
war geboren.

Der Sieger hieß Gordon Haller (siehe Bild). Aus 15 Mutigen,
die sich bei der Premiere an den Start trauten (zwölf kamen
bei der Premiere ins Ziel), sind inzwischen 50.000 Startwillige
geworden, die sich weltweit bei gut zwei Dutzend Rennen um
die rund 1.800 Startplätze auf Hawaii bewerben.
Angelockt werden sie alle vom Mythos des Ironman - und von der Stimme Mike Reillys. "You are an Ironman!" Diesen Ruf konnte Julie Moss 1982 schon hören, als sie auf Siegkurs kurz vor dem Ziel zusammenbrach und sich strauchelnd, aber nur als Zweite, durch das große weiße Tor am Ende des Alii Drives rettete. Auch Wendy Ingraham und Sian Welch waren 1997 schon auf der Zielgeraden des Ironman auf dem Alii Drive, als sie sich ein packendes Duell um Platz vier lieferten, beide gleichzeitig entkräftet umkippten, gegeneinander ins Ziel robbten und so den Stoff lieferten, für den auch die Medien Jahr für Jahr den langen Flug ins Paradies auf sich nehmen.

Zur Legende wurde auch das Drama um Paula
Newby-Fraser, die 1995 an der Abbiegung auf
den Alii Drive, die Zielgerade am Pier von
Kailua-Kona, in Führung liegend strauchelte und
noch ihre große Herausforderin Karen Smyers
passieren lassen musste. Lustige Zeitgenossen
malten ein Jahr später vor dem Rennen die Umrisse
Newby-Frasers auf den heißen Asphalt, um an diese
Sternstunde des Alii Drive zu erinnern. Unvergesslich
bleibt das packende Duell zwischen den vielfachen
Siegern Dave Scott und Mark Allen, welche das ganze
Rennen über Schulter an Schulter liefen und letztlich
Mark Allen sich auf den letzten Kilometern sich noch
absetzen konnte und somit den Generationswechsel der
Legenden einläutete.
Manchen wird es zu bunt
1.800 Sportler leiden Jahr für Jahr und kommen doch immer wieder - und der Alii Drive leidet mit. Kailu-Kona wächst und wächst, der Ironman ebenso - nur der Alii Drive bleibt, wie er ist. Und muss jedes Jahr mehr Sportler und mehr Verkehr ertragen. "Der Ironman ist vorüber", sagt ein junger Surfer am Tag nach dem Rennen am kleinen White Sands Beach in der Mitte des Alii Drive. "Gott sei Dank", antwortet sein Freund und stürzt sich in die Wellen. Die Einwohner von Kailua stehen längst nicht mehr alle hinter dem Rennen, das einmal im Jahr den Alii Drive für sich beansprucht und ihm seinen Style aufdrückt. Der ist so völlig unhawaiianisch, bunt und schrill, angestrengt und ernst - spätestens, seit immer mehr Europäer nach Kailua pilgern, um den Mythos zu besiegen. Das haben die Amerikaner sich nicht lange angeschaut und in die Ironman-Woche ein noch schrilleres Sportereignis integriert: Am Donnerstag vor dem Start läuft eine Horde - es mögen gut hundert Wilde sein - laut brüllender Menschen, nur in Feinripp-Unterwäsche verpackt, den Alii Drive auf und ab. Von der deutschen Übersetzung der Straße der Adeligen ist in diesen Minuten wenig zu spüren. Und dass dieser Karneval des Alii Drive ursprünglich ein Protest gegen die aus der alten Welt importierten Kleidungssünden war, wissen die Europäer, die nun am lautesten brüllen, am wenigsten.

Die bunte Ironman-Familie
Am Wettkampftag dominiert dagegen eine andere Stimme: "You are an Ironman!" Mike Reilly kennt sie alle - und begrüßt sie alle. Und vor allem: Alle gleich. "You are an Ironman!" Das bekam Thomas Hellriegl - der als erster Deutscher
in Kona gewinnen konnte (siehe Bild), ebenso zu hören
wie Natascha Badmann, die bei den Frauen zum sechsten
Mal ganz oben steht. Oder Marc Herremans, 2001 als
Sechster und bester Rookie, wie die Neueinsteiger auf
Hawaii genannt werden, im Ziel, danach im Training
bei einem Unfall schwerverletzt, seitdem querschnitts-
gelähmt und 2005 schnellster Rollstuhlfahrer auf dem
Alii Drive. "You are an Ironman!" - das gilt ebenso für
Ryan Hodger, dem mit 19 Jahren jüngsten Finisher in
Kona, wie für Sister Madonna Buder, die ehemalige
Ordensschwester, die einst aus ihrem Kloster flog, weil
sie sich zu sehr den weltlichen Dingen (wie dem Triathlon)
widmete. Und ganz besonders für Robert McKeague,
dem ersten 80-Jährigen, der das Tor zur Glückseligkeit
auf dem Alii Drive durchschreitet.

Mitternacht, 17 Stunden nach dem spektakulären Startschuss am Pier gleich neben dem Alii Drive. Die Stimme des Ironman holt die letzten Finisher ins Ziel, die Feuertänzer und Hula-Girls legen ihren letzten Auftritt auf den nun nicht mehr ganz so heißen Asphalt. Zur Hawaii-Hymne fassen sich Zehntausende an den Händen und schunkeln ein letztes Mal in vereinter Glückseligkeit zu den hawaiianischen Klängen. Dann wird es ruhig und dunkel. Der Alii Drive hat es wieder einmal geschafft: Er hat sie alle nach Hause gebracht, Tränen geschluckt, Geschichten erlebt, von denen einige später als Legenden der Nachwelt überliefert werden. Für ein Jahr kehrt Ruhe ein am Schweiß und Tränen-Boulevard. Doch der Lockruf des Ironman zieht sich in die weite Welt und die Träume der Ausdauersportler zurück: "You are an Ironman!"

"Frank Wechsel, www.tri-mag.de"

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