Manchen wird es zu bunt
1.800 Sportler leiden Jahr für Jahr und kommen doch immer wieder - und der Alii Drive leidet mit. Kailu-Kona wächst und wächst, der Ironman ebenso - nur der Alii Drive bleibt, wie er ist. Und muss jedes Jahr mehr Sportler und mehr Verkehr ertragen. "Der Ironman ist vorüber", sagt ein junger Surfer am Tag nach dem Rennen am kleinen White Sands Beach in der Mitte des Alii Drive. "Gott sei Dank", antwortet sein Freund und stürzt sich in die Wellen. Die Einwohner von Kailua stehen längst nicht mehr alle hinter dem Rennen, das einmal im Jahr den Alii Drive für sich beansprucht und ihm seinen Style aufdrückt. Der ist so völlig unhawaiianisch, bunt und schrill, angestrengt und ernst - spätestens, seit immer mehr Europäer nach Kailua pilgern, um den Mythos zu besiegen. Das haben die Amerikaner sich nicht lange angeschaut und in die Ironman-Woche ein noch schrilleres Sportereignis integriert: Am Donnerstag vor dem Start läuft eine Horde - es mögen gut hundert Wilde sein - laut brüllender Menschen, nur in Feinripp-Unterwäsche verpackt, den Alii Drive auf und ab. Von der deutschen Übersetzung der Straße der Adeligen ist in diesen Minuten wenig zu spüren. Und dass dieser Karneval des Alii Drive ursprünglich ein Protest gegen die aus der alten Welt importierten Kleidungssünden war, wissen die Europäer, die nun am lautesten brüllen, am wenigsten.
Die bunte Ironman-Familie
Am Wettkampftag dominiert dagegen eine andere Stimme: "You are an Ironman!" Mike Reilly kennt sie alle - und begrüßt sie alle. Und vor allem: Alle gleich. "You are an Ironman!" Das bekam Thomas Hellriegl - der als erster Deutscher
in Kona gewinnen konnte (siehe Bild), ebenso zu hören
wie Natascha Badmann, die bei den Frauen zum sechsten
Mal ganz oben steht. Oder Marc Herremans, 2001 als
Sechster und bester Rookie, wie die Neueinsteiger auf
Hawaii genannt werden, im Ziel, danach im Training
bei einem Unfall schwerverletzt, seitdem querschnitts-
gelähmt und 2005 schnellster Rollstuhlfahrer auf dem
Alii Drive. "You are an Ironman!" - das gilt ebenso für
Ryan Hodger, dem mit 19 Jahren jüngsten Finisher in
Kona, wie für Sister Madonna Buder, die ehemalige
Ordensschwester, die einst aus ihrem Kloster flog, weil
sie sich zu sehr den weltlichen Dingen (wie dem Triathlon)
widmete. Und ganz besonders für Robert McKeague,
dem ersten 80-Jährigen, der das Tor zur Glückseligkeit
auf dem Alii Drive durchschreitet.
Mitternacht, 17 Stunden nach dem spektakulären Startschuss am Pier gleich neben dem Alii Drive. Die Stimme des Ironman holt die letzten Finisher ins Ziel, die Feuertänzer und Hula-Girls legen ihren letzten Auftritt auf den nun nicht mehr ganz so heißen Asphalt. Zur Hawaii-Hymne fassen sich Zehntausende an den Händen und schunkeln ein letztes Mal in vereinter Glückseligkeit zu den hawaiianischen Klängen. Dann wird es ruhig und dunkel. Der Alii Drive hat es wieder einmal geschafft: Er hat sie alle nach Hause gebracht, Tränen geschluckt, Geschichten erlebt, von denen einige später als Legenden der Nachwelt überliefert werden. Für ein Jahr kehrt Ruhe ein am Schweiß und Tränen-Boulevard. Doch der Lockruf des Ironman zieht sich in die weite Welt und die Träume der Ausdauersportler zurück: "You are an Ironman!"
"Frank Wechsel, www.tri-mag.de"